Die reich bebilderte Broschüre
"Das St. Galler Kinderfest" (Separatum aus Josef Weiss:
Schulstadt St. Gallen) wird in den Vorverkaufsstellen und am Kinderfesttag
auf dem Festplatz verkauft. Schriftenreihe der Stadt St.Gallen, Verkaufspreis:
CHF 5
Im Gefolge
der Schulreformen der zwanziger Jahre des vorletzten Jahrhunderts
wurde ein neuartiges Jugendfest geschaffen, das am 28. September
1824 erstmals stattfand und die Tradition des heutigen Kinderfestes
begründete.
Das erste St.Galler Kinderfest entwickelte sich
aus verschiedenen Wurzeln. Als Ursprünge werden mehrere Schulfeste
genannt: jenes der mittelalterlichen Klosterschule, das Gregorius-
und das Rutenfest der städtischen Schuljugend sowie die "Eggen".
Bei diesen Eggen verbanden sich eine Art Schlussfeier nach der Schulprüfung
mit Musterung und Waffenübungen der Knaben.
Diese Wurzeln führten zur heute unverständlichen
Vermischung von Kinderfest und jugendlicher Militärparade. Bis 1946,
solange nationales Hochgefühl und Militärbegeisterung im Schwange
waren, bleiben Waffen und Kadettenwesen ein fester Festbestandteil.
Als im Kinderfestjahr
1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, ahnte niemand, dass sich das wirtschaftliche
und soziale Gefüge der Stadt St.Gallen tiefgreifend und nachhaltig
verändern würde. Der Krieg stürzte die prosperierende Stickerei-Industrie
in eine tiefe Krise. Zunächst legte es die Anspannung der Krisenjahre,
nach 1918 die prekäre Finanzlage und die gedrückte Stimmung nahe,
auf die Durchführung von Jugendfesten zu verzichten.
Dank einer
öffentlichen Sammlung, die einen guten Teil der nötigen Gelder bereit
stellte, konnten sich die Behörden entschliessen, die alte Tradition
wieder aufzunehmen. Allerdings hatten sich 1918 die Gemeinden Tablat
und Straubenzell mit St.Gallen zur neuen Gemeinde "Gross-St.Gallen"
vereinigt und Skeptiker fragten sich, ob eine Durchführung des Festes
mit 8000 Kindern überhaupt möglich sei.
Das Kinderfest 1927 erwies sich als wandlungsfähig.
Auch wenn es endgültig zu einem Grossanlass geworden war, gelang
es offenbar vortrefflich. "Der neuen Zeit entsprechend, war der
Schmuck des Zuges umgestaltet worden, jugendtümlich sollte er bis
in die Einzelheiten sein" schrieb Ernst Hausknecht in seiner Schilderung
für die "St.Galler Schreibmappe" von 1928. Zu den Neuerungen gehörte
auch die Einführung der Schulfahnen, die die meisten der heutigen
Zuschauerinnen und Zuschauer wohl als uralt und seit jeher mitgeführte
Requisiten betrachten.
Dass die Mädchen Stickereikleider trugen, mutete
schon 1927 anachronistisch an. Die aktive, sportliche Frau, die
in den zwanziger Jahren zum Leitbild wurde, trug keine Jugenstilrobe
mit Stickereiapplikationen sondern ein bequemes Charlestonkleid,
das Bewegungsfreiheit liess. Trotzdem blieben die Produkte der einstigen
St.Galler Hauptindustrie lange Zeit ein so unverzichtbares Element
des Kinderfestes wie die Bratwurst.
Während
dem Zweiten Weltkrieg 1938 wurde erneut auf die Durchführung des
St.Galler Kinderfestes verzichtet.
Bei der Wiederaufnahme 1947 stand es ausser Frage,
Stickereikostüme zu tragen. Die Berichte vermerken dazu, dass die
aus den Schränken hervorgeholten Kleider nach Jahren der Textilknappheit
allerdings etwas ältlich und muffig gewirkt hätten.
Mit dem
Mentalitätswandel der späten sechziger und siebziger Jahre wurden
die Stickereien allmählich (wenn auch nicht vollständig) aus dem
mittlerweile lockeren Erscheinungsbild des Kinderfestes verdrängt.
Bratwurst und Böllerschüsse sind bis heute geblieben
- und auch die rot-weissen Dächer der Verpflegungsstände für die
Schulklassen haben schon immer so ausgesehen.
Auszüge aus "Stickereien,
Kanonen, Bratwürste", Marcel Mayer, St.Galler Tagblatt 1999